Kroppach nicht mehr Topfavorit PDF Drucken E-Mail
FSV-Konkurrent Saarlouis-Fraulautern dachte an Rückzug und rüstet nun personell auf

Von unserem Mitarbeiter René Adler


Kroppach. Erst Einzel-Europameisterin Li Jiao (Niederlande) und die DM-Dritte Nadine Bollmeier (MTV Tostedt) und kurz vor Schluss der Wechselperiode auch noch Li Jie, die mit Holland zuletzt viermal in Folge EM-Mannschaftsgold gewann – der TTSV Saarlouis-Fraulautern hat nochmal auf dem Transfermarkt zugeschlagen und sorgt dafür, dass der FSV Kroppach nach fünf nationalen Meistertiteln in Folge erstmals nicht als unangefochtener Topfavorit in die neue Saison der Tischtennis-Bundesliga der Frauen geht.

„Dass die irgendwo einen Geldsack aufgemacht haben müssen“, war der erste Gedanke von Kroppachs Geschäftsführer Horst Schüchen, als er hörte, die Abwehrspielerin habe auch noch beim Vizemeister unterschrieben.


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Li Jiao kommt in der neuen Bundesligasaison mit Saarlouis zum FSV Kroppach. Unsere Aufnahme stammt aus dem Jahr 2009, als sie in der Champions-League mit Heerlen beim FSV gastierte. Foto: Jürgen Vohl


Vier gebürtige Chinesinnen

Denn auf den ersten vier Positionen verfügen die Saarländerinnen nun über die Nummern zwei und fünf der Europarangliste (Li Jiao und Li Jie), die Spielerin mit der besten Bundesliga-Bilanz der vergangenen Saison (Li Fen) und die frühere Europameisterin Ni Xialian. Da auch diese einen europäischen Pass besitzt (Luxemburg), könnten in wichtigen Spielen alle vier gebürtigen Chinesinnen zugleich antreten. „Dann hat Fraulautern die Favoritenrolle“, sagt Schüchen über mögliche Duelle gegen dreimal Li und einmal Ni.

Saarlouis-Manager Heinz Falk scheint selbst darüber erstaunt, was für eine Truppe er da letztlich zusammengestellt hat. Das sei so nicht geplant gewesen, sondern hätte sich „alles so Schritt für Schritt entwickelt“. Li Fen habe ursprünglich eine Babypause einlegen, Ni Xialian eigentlich aufhören wollen, und nach dem Wechsel der mehrfachen Nachwuchs-Europameisterin Petrissa Solja nach Österreich habe er sogar an einen Rückzug aus der 1. Liga gedacht. Aber dann hätten Bollmeier und Li Jiao zugesagt, und Ni Xialian habe Li Jie schließlich auch noch überredet.

„Man darf nicht falsche Rückschlüsse ziehen“, sagt Falk zum Thema Geld, gibt aber zu, „dass das für uns ein Kraftakt ist diese Saison“. Schon in der vergangenen Spielzeit war sein Team das einzige, das Kroppach schlagen konnte. „Wenn man Zweiter wird und sich die Chance bietet, die Mannschaft nochmal zu verstärken, muss man diese Möglichkeit nutzen“, verdeutlicht der Manager, dass er sich mit seinen Damen nicht mehr mit der Rolle der Kronprinzessinnen zufrieden geben wollte. „Für Kroppach ist es gut, dass es Fraulautern gibt, weil es dadurch spannender wird.“ Bis hierhin kann Schüchen alles unterschreiben. Der FSV-Macher erwartet „extrem spannende Spiele“ gegen Fraulautern und sagt: „Es ist toll, wenn Vereine sich die Mühe machen aufzuschließen.“ Nur hegt er den Verdacht, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.

Stein des Anstoßes ist, dass mit der Bekanntgabe des Wechsels von Li Jie auch die Nachricht kam, die 20-jährige Deutsche Kathrin Mühlbach wechsle wegen eines Formfehlers doch nicht ins Saarland – sondern nach Leipzig, das durch ein Votum des DTTB-Bundestags als Vierter aufsteigen durfte, was Kroppach letztlich doch unterstützte. „Lieber neun als acht Mannschaften“, begründet dies Schüchen. Zur Personalie Mühlbach meint der Manager: „Da kann sich ja jeder Vollidiot denken, was sich da abgespielt hat.“ Er vermutet, Fraulautern habe plötzlich zu viele Spielerinnen gehabt und getrickst, als sich überraschend die Chance bot, die Holländerin zu verpflichten. „Hier wird die Wettspielordnung mit Füßen getreten“, ereifert sich Schüchen und verlangt „eine lückenlose Aufklärung. Dafür werden wir kämpfen bis zum bitteren Ende“, kündigt er an. Auf eine Anfrage beim Saarländischen Tischtennisbund (STTB) habe er keine Auskunft erhalten. An diesen Vorwürfen sei nichts dran, entgegnet Falk. Beim Mühlbach-Transfer habe es „Probleme mit der Unterschrift“ gegeben „und wer unterzeichnet hat“. Der STTB habe dies beanstandet und Fraulautern die Entscheidung akzeptiert. Der Last-Minute-Wechsel von Li Jie habe „damit nichts zu tun“.



Schüchen kritisiert Personalpolitik

Die Personalpolitik des Widersachers ist FSV-Mann Schüchen aber noch aus einem anderen Grund ein Dorn im Auge: Die Saarländer hätten mit dazu beigetragen, das im Westerwald favorisierte Spielsystem mit Dreier-Mannschaften wieder zu kippen, „weil sie die deutsche Jugend fördern wollten“. Und jetzt würden sie mit vier gebürtigen Chinesinnen spielen: „Ich bin mal gespannt, wie das ankommt, wenn so eine Mannschaft Deutscher Meister wird.“

Im Titelkampf dürfte viel davon abhängen, wie oft Fraulautern komplett oder annähernd in Bestbesetzung spielt. Falk verrät, dass Li Fen immer zur Verfügung steht, nicht aber Li Jie und Ni Xialian. „Kann sein, dass alle gegen Kroppach oder Berlin spielen“, mutmaßt Schüchen. Wenn aber eine oder mehrere Topspielerinnen fehlen, könnten sie gegen Böblingen oder Essen Probleme bekommen. „Die schlägt man nicht so im Vorbeigehen.“ In der Vorsaison konnte Kroppach die eine Niederlage gegen Saarlouis letztlich locker verschmerzen, weil der Konkurrent anderswo fünf Punkte liegen ließ.

„Wir wollen auch im nächsten Jahr Deutscher Meister werden“, macht der FSV-Manager trotz der personellen Aufrüstung beim großen Rivalen klar. „Der Pokal hat in Kroppach ein schönes Plätzchen zum Stehen, und manche sagen, er sei da schon festgewachsen.“

Westerwälder Zeitung vom Freitag, 15. Juni 2012, Seite 16