Das Olympia-Fieber steigt von Tag zu Tag PDF Drucken E-Mail
Wu Jiaduo und Kristin Silbereisen vom FSV Kroppach schwitzten bei Lehrgang und Vorbereitungsturnier in Österreich

Von unserem Mitarbeiter René Adler

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„Dudu“ Wu Jiaduo, deutsche Nummer eins und Leistungsträgerin des FSV Kroppach, wird in London zum zweiten Mal in ihrer Karriere an Olympischen Spielen teilnehmen. Im Einzel ist sie an Position neun gesetzt. Foto: Jürgen Vohl


Kroppach. Mit dem freiwilligen Ausstieg im Viertelfinale von „Dudu“ Wu Jiaduo und dem Vorrunden-Aus von Kristin Silbereisen endete aus Kroppacher Sicht der erste internationale Vorbereitungs-Lehrgang der deutschen Tischtennis-Frauen auf die Olympischen Spiele. Das Turnier in Österreich markierte den vorletzten Leistungs-Check unter Wettkampfbedingungen, bevor es am 25. Juli nach London geht.

Wu war mit einem lockeren 4:0 über die Tschechin Dana Hadacova in die Vorrunde gestartet, musste sich beim 4:2 gegen Yi Fang Xian aus Frankreich aber schon wesentlich mehr strecken. Dann verzichtete die Europe-Top-12-Siegerin auf das interne Duell im Viertelfinale gegen die Berliner EM-Zweite Irene Ivancan. „Dudu hat gesagt, gegen Irene kann sie ja praktisch täglich im Training in Düsseldorf spielen“, berichtete ihre Vereinskollegin Kristin Silbereisen. Wichtiger seien das Training mit und die Duelle gegen ausländische Spielerinnen gewesen.



Zu viele Chancen ausgelassen

Silbereisen überstand die Vorrunde nicht, obwohl sie das Auftaktmatch gegen die Kroatin Cornelia Molnar drehte und nach einem 1:2-Rückstand noch in sechs Sätzen gewann. Im Duell um den Gruppensieg gegen Elizabeta Samara aus Rumänien ließ sie dann aber vor allem in den Sätzen zwei und drei (14:16 und 10:12) zu viele Chancen aus und musste sich unter Wert mit 0:4 geschlagen geben. „Ich hatte in beiden Sätzen Satzball“, sagte die Olympia-Debütantin, für die das Ergebnis aber nicht im Vordergrund stand. „Ich habe vor allem im Rückschlag einiges versucht.“ Von daher habe ihr das Turnier schon die eine oder andere Rückmeldung gegeben.

Auch für Bundestrainerin Jie Schöpp war es die Möglichkeit, „die Form der Spielerinnen zu überprüfen“. Im Training sei mehr Zeit in das Aufschlag-Rückschlag-Spiel investiert worden als bei den bisherigen Lehrgängen.

Während des Camps kam auch die neue Weltrangliste raus, die entscheidend für die Setzung in London ist. Das deutsche Frauen-Team ist an Position sechs eingestuft und könnte somit bei Lospech im Viertelfinale auf Topfavorit China treffen.

Im Einzel steigt die Weltranglisten-16. Wu Jiaduo als Nummer neun der Setzliste erst in der dritten Runde ein, während Kristin Silbereisen eine Runde zuvor ran muss. Die Nummer 47 der Juli-Notierung ist zwischen Position 17 und 32 gesetzt und greift damit als erste Deutsche in das olympische Turnier ein. „Über die Setzung haben wir uns gar nicht so viele Gedanken gemacht. Wir stecken unsere Energie lieber in die Vorbereitung und das Training für London“, kommentierte Schöpp.



Frauen halten trotz Hitze durch

Und die Woche in Schwechat bei Wien war nicht nur wegen des intensiven Trainings schweißtreibend. Es herrschten Außentemperaturen von bis zu 36 Grad, berichtete Silbereisen: „Es war schon sehr heiß. In der Halle ging es noch, aber in den Hotelzimmern hatten wir in den ersten paar Tagen um die 30 Grad, ohne Klimaanlage und nur mit Ventilator.“ Dies veranlasste die deutschen Männer, die auch in der Akademie des letzten nicht-chinesischen Weltmeisters Werner Schlager trainieren wollten, zu einem ungewöhnlichen Schritt: Das Team um Rekord-Europameister Timo Boll reiste kurzfristig wieder ab. Eine vernünftige Regeneration zwischen den Einheiten sei kaum möglich gewesen, erklärte Dirk Schimmelpfennig, der Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes. Dass die Frauen dennoch blieben, begründete er so: „Die Damen nehmen die hohen Temperaturen in Kauf, sie profitieren sehr vom Training mit den besten Europäerinnen. Bei den Männern ist das als europäische Topnation etwas anders.“

WSA-Geschäftsführer Martin Sörös widersprach im „Kurier“ der Darstellung von Schimmelpfennig. „Wir wollen das nicht aufbauschen, aber der Grund für die Abreise liegt im Umfeld von Timo Boll“, sagte Sörös, ohne Einzelheiten zu nennen. „Dass es in Mitteleuropa derzeit sehr heiß ist, können wir nicht verhindern.“

Wie dem auch sei: Die deutschen Männer setzten ihren Lehrgang in Düsseldorf fort, wo es nach Darstellung des Sportdirektors zusammen mit den Frauen auch ein Platzproblem gegeben hätte. Im Deutschen Tischtennis-Zentrum bereiteten sich nämlich alle vier deutschen Nachwuchs-Nationalteams auf die Jugend-Europameisterschaft vor.



Vom 11. bis 22. Juli geht's weiter

Schon abgereist sein werden die Youngster, wenn Schöpp bei einem Lehrgang vom 11. bis zum 22. Juli in Düsseldorf Silbereisen, Wu und Co. den letzten Feinschliff geben will. Auch dieses Camp ist international besetzt, hinzu kommen etwa die Polinnen, „und am Ende werden wir auch wieder ein Turnier spielen“, sagte Silbereisen. Am Mittwoch, 25. Juli, steigen sie und „Dudu“ dann in den Flieger nach London, wo der Tischtennis-Einzelwettbewerb drei Tage später beginnt.

Während bei Neuling Silbereisen das Olympia-Fieber von Tag zu Tag steigt („Radio-Interviews, Fernsehtermine, ständig Anrufe und Anfragen – das kennt man im Damen-Tischtennis sonst ja gar nicht“), meinte die dreifache Olympionikin Jie Schöpp: „Es ist erneut eine große Herausforderung für mich, als Trainerin bei Olympischen Spielen dabei sein zu dürfen und das Damen-Team zu betreuen. Ich bin momentan sehr auf die Vorbereitung konzentriert und spüre auch ein wenig Anspannung. Die Vorfreude ist womöglich vorhanden, nur kann ich sie noch nicht richtig wahrnehmen, zumindest nicht bewusst.“

Doch bald dürfte es auch bei ihr so weit sein.

Westerwälder Zeitung vom Dienstag, 10. Juli 2012, Seite 11