Olympia-PK der Damen im DTTZ: "Kopf wichtiger als Technik" PDF Drucken E-Mail
Düsseldorf. „Da war die ganze Seite frei“, ärgert sich Irene Ivancan, nachdem sie Kristin Silbereisen wieder in der langen Vorhandseite angespielt hatte und den Punkt verpasste. Ein Jubelschrei kommt aus der einen Ecke, hadernde Worte aus der anderen. Man spürt eine gewisse Anspannung in der Trainingshalle des DTTZ in Düsseldorf. Kein Wunder, es wird ernst. Nur noch wenige Tage sind es bis zum Saisonhöhepunkt, den Olympischen Spielen. In dieser Phase der Vorbereitung geht es nicht mehr um Athletik und Kondition, der Schwerpunkt liegt jetzt auf dem Wettkampf, auf Feinheiten. Wu Jiaduo duelliert sich mit der Weißrussin Viktoria Pavlovich, und als „Dudu“ mehrere Vorhand-Schüsse abfeuert und den Punkt macht, stehen die Teamkolleginnen Irene Ivancan und Kristin Silbereisen klatschend und anerkennend am Rand. Bundestrainerin Jie Schöpp schaut genau hin, nimmt die Spielerinnen ab und an beiseite und bespricht sich mit ihnen. Zwischendurch gibt es Balleimersequenzen.

Olympia-PK der Damen im DTTZ: Auch fern des Tisches stimmt die Choreografie: die DTTB-Damen mit Jie Schöpp und Dirk Schimmelpfennig (Foto: FL)

Auch das Doppelspiel – im olympischen Mannschaftswettbewerb von zentraler Bedeutung – wird getestet, vor allem die Kombination Ivancan/Silbereisen. 
In den kommenden Tagen geht für die deutschen Damen die anderthalbmonatige Vorbereitungszeit auf London 2012, die am 8. Juni mit einem Konditionslehrgang in Hennef begann, zu Ende. Im DTTZ bereiten sich neben den DTTB-Damen die Nationalteams und Einzelvertreter aus Österreich, Kroatien, Tschechien, Weißrussland, Polen und Dänemark vor.

Apropos Vorbereitungen auf London: Die sind – zumindest im Falle von Ersatzspielerin Sabine Winter – bereits erledigt. Die Tasche hat sie gepackt, die Wohnung ist aufgeräumt, und von ihren Freunden hat sie auch schon in die Olympiazeit verabschiedet, wie sie berichtet. „Das Wichtigste ist geregelt“, sagt die 19-Jährige. 
Es kann also losgehen. Am 28. Juli beginnt das Turnier mit den Einzelwettbewerben, als erste Deutsche wird Kristin Silbereisen am 28. (abends) oder 29. Juli (vormittags) in den Wettkampf einsteigen. Wann genau und gegen wen, das entscheidet sich bei der Auslosung am 25. Juli in der ExCel-Arena, der Olympiaspielstätte im Osten Londons.



Trainingsspiel für Olympia: Irene Ivancan serviert für Kristin Silbereisen (Foto: FL)Trainingsspiel für Olympia: Irene Ivancan serviert für Kristin Silbereisen (Foto: FL)
„Ich will am liebsten sofort spielen, die Ringe sehen am Tisch und an den Banden“, sagt Irene Ivancan. Die EM-Zweite von 2011 kommt erst im Teamwettbewerb (ab dem 3. August) zum Einsatz. Deutschland ist dort an Position sechs gesetzt. 
 

STATEMENTS AUS DER OLYMPIA-PRESSEKONFERENZ DER DTTB-DAMEN

Die Bundestrainerin und dreifache Olympia-Teilnehmerin Jie Schöpp über ihre Erfahrung, die sie an die Spielerinnen weitergeben kann
Ich bin wirklich froh, dass ich weiß, was uns in London erwartet. Es ist eine wertvolle Erfahrung, dass man schon als Spielerin bei Olympia teilgenommen hat. Ich hoffe, dass ich meine Erfahrung weitergeben kann. Man spricht über Olympia, über die Eröffnungsfeier und auch darüber, wie wir spielen werden. 

Schöpp über die Erwartungen an ihre Spielerinnen
Meine Erwartungen sind immer die gleichen bei großen Turnieren. Diese Erwartungen habe ich in meiner aktiven Zeit auch immer an mich gestellt. Meine Spielerinnen sollen in London ihr bestes Tischtennis spielen, und sie sollen für die ganze Zeit der Wettbewerbe ihre volle Konzentration aufbringen. Wenn wir das erfüllt und unser Bestes gegeben haben, dann bin ich auch mit der Platzierung zufrieden, die dann herausgekommen ist.

Schöpp über die Entwicklung der Mannschaft
Ich merke, dass die Mannschaft sehr viel an Selbstvertrauen dazugewonnen hat. Mit der Stimmung in der Mannschaft bin ich mehr als zufrieden. Als ich früher aktiv gespielt habe, war die Stimmung im Team nicht immer so schön und harmonisch.



Die Ziele im Blick: Jie Schöpp und Dirk Schimmelpfennig (Foto: FL)Die Ziele im Blick: Jie Schöpp und Dirk Schimmelpfennig (Foto: FL)
Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig über die Erwartungen des gesamten DTTB-Teams
Zu Beginn des Olympia-Zyklusses haben wir unsere Ziele formuliert. Das übergeordnete Ziel heißt, eine Medaille zu gewinnen. Bei den Herren sind wir mit dem Team und Timo an Position vier gesetzt. Bei den Damen konzentrieren wir uns auf die Runde der letzten 16, um zunächst den Einzug in das Viertelfinale zu schaffen. 
Olympia ist nicht mehr nur das Turnier mit dem Motto „Dabei sein ist alles“, für die Verbände und die Spitzenverbände geht es vor allem um den Medaillenspiegel. Wir gehen mit beiden Teams gut vorbereitet ins Turnier. Jetzt überwiegt die Freude auf die Wettkämpfe, gerade für die Spielerinnen und Spieler, die zum ersten Mal dabei sind. Sie werden zu Beginn ganz viele neue Eindrücke erhalten, ab dem zweiten Tag muss es dann heißen: Normalstellung der Augen, der offene Mund geht wieder zu. Olympia ist ein riesen Erlebnis, bei dem man sich fokussieren muss, schließlich hat man vier Jahre darauf hingearbeitet.

Wu Jiaduo über ihre Entwicklung von 2008 bis heute
In den vier Jahren habe ich viel gelernt. 2009 bin ich Europameisterin geworden, das hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben. Ich habe bei großen Turnieren mittlerweile einen ganz anderen Kopf. Nach meinem frühen Einzel-Aus in Peking habe ich viel analysiert, positiv gedacht und vier Jahre gut gearbeitet.

"Dudu" über die Ziele
Mit der Mannschaft möchte ich gerne eine Medaille gewinnen. Das wird sehr schwer, bei großen Turnieren können immer viele Überraschungen passieren. Im Einzel schaue ich von Runde zu Runde.

"Dudu" über Tipps, die sie an die Olympia-Neulinge weitergibt
Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich auf das Spiel konzentrieren sollen. Andere Dinge, wie die Atmosphäre im Dorf oder Stars zu treffen, können wir nach dem Wettkampf erleben. Wir bereiten uns vor wie auf ein ganz normales Turnier. Ich habe ihnen gesagt, es wäre, als wenn wir die England Open spielen. Wir müssen locker spielen, bei Olympia ist der Kopf wichtiger als die Technik. Das olympische Dort ist wie eine Stadt. Da werden die Augen durch das viele Gucken schnell müde, es ist anstrengend. Man muss aufpassen. 



Auch beim Fernsehen gefragt: Kristin Silbereisen (Foto: FL)Auch beim Fernsehen gefragt: Kristin Silbereisen (Foto: FL)
Olympia-Newcomerin Kristin Silbereisen darüber, wie sie die eigene Euphorie bremst
Ich glaube, dass das gar nicht so einfach wird. Man kann sich dem ganzen nicht vollkommen entziehen. Im Moment höre ich bei allem hin, was mit Olympia und London zu tun hat, vielleicht ist man da auch nicht mehr ganz so objektiv. Ich freue mich auf London, will aber auch meine Leistung abrufen. Ich bin die erste Deutsche, die an den Tisch gehen wird. Und ich will nicht die erste Deutsche sein, die als Verliererin die Box verlässt. Die Anspannung ist da. Je näher die erste Runde kommt, desto mehr nimmt sie zu.

Silbereisen über ihre Form

Ich habe super trainiert und will ein super Turnier spielen. Gestern und heute haben wir Trainingsmatches gespielt. Ich bin fast schon zu zufrieden. Ich hoffe, dass ich dieses Niveau halten und in London vielleicht noch eine Schippe drauflegen kann. 
An den eigenen Schwächen zu arbeiten, macht nicht unbedingt Spaß. Man hat dann immer das Gefühl, man würde gerade besonder schlecht im Training sien. Insgesamt habe ich mich verbessert. Die WM in Dortmund hat mir viel Selbstvertrauen gegeben. Gefühlsmäßig ist meine Form besser als in Dortmund. In London werden aber sehr viele Faktoren eine Rolle spielen.

Irene Ivancan über die Überwindung des inneren Schweinehunds in der harten Vorbereitungszeit
Jetzt geht’s zum Glück nicht mehr ums Überwinden, das habe ich geschafft. Und da bin ich auch stolz auf mich. Am 8. Juni haben wir mit der richtigen Vorbereitung begonnen, seitdem gab es keinen Wettkampf. Für mich ist das sehr schwer, weil ich jemand bin, der sehr gerne Wettkampf spielt, um eine Rückmeldung über meinen Leistungsstand zu bekommen. Wir haben in der Vorbereitung eine gute Basis gelegt, und ich bin gespannt, was da nun rauskommt.

Ivancan auf die Frage, ob es Unterschiede in der Vorbereitung gibt, da sie nicht im Einzel, sondern nur im Teamwettbewerb zum Einsatz kommt
Das macht überhaupt keinen Unterschied, am Ende will man das Spiel gewinnen. Spannend ist, dass im Einzel auf vier Gewinnsätze gespielt wird, in der Mannschaft auf drei. Ich bin eine Spielerin, die immer etwas später zündet, ein Spiel auf vier Gewinnsätze kann ich immer drehen. Das geht bei drei Sätzen nicht so einfach. Es gibt praktisch keine Marge für Fehler. Wenn wir verlieren, sind wir direkt raus. Man muss bei 0:0 sofort da und topfit sein. Das ist eine Herausforderung, die gehe ich an, ich werde mich vor allem im Kopf noch gezielter auf die Matches vorbereiten. 

Ivancan über ihre Form und die Zielsetzung
Die Athletik ist da, spielerisch gibt es noch etwas Potenzial. Ich freue mich, dass es los geht. In London kann ich mich auch schon mal an alles gewöhnen. Das Warten ist schwierig, ich will eigentlich sofort spielen. Man fühlt sich wie ein Pferd, das in der Box steht und mit den Hufen scharrt. Ich bin gespannt, wie ich damit umgehe. Die Gespräche mit unserem Team-Psychologen Carsten Schiel werden mir helfen. Wir sind insgesamt als Team gut aufgestellt und in der Lage, ein gutes Ergebnis hinlegen zu können.



Sabine Winter testet Tschechiens Dana Hadacova (Foto: FL)Sabine Winter testet Tschechiens Dana Hadacova (Foto: FL)
Team-Ersatzspielerin Sabine Winter auf die Frage, wie sie Spannung hochhält
Ich hatte solche Situationen ja schon öfter, dass ich mitgefahren bin und nicht zum Einsatz kam. Wenn ich aber gebraucht wurde, dann war ich da. Das wird auch diesmal wieder so sein. Ich bin froh, überhaupt nominiert und dabei zu sein. Mit der Situation kann ich gut umgehen, ich werde mir jedes deutsche Spiel anschauen, unterstützen und anfeuern.

Die Spielerinnen auf die Frage, wen sie in London gerne treffen würde oder was sie sich anschauen möchten
Irenen Ivancan: Bisher interessiert mich das nicht, ich habe mir keine Gedanken gemacht. Ich will gut spielen. Überall sind die Ringe an Tischen und Banden, Millionen Menschen weltweit schauen zu. Unsere Spiele in diesem Umfeld sind für mich das wichtigste. Für mich ist das ein Traum, einfach unglaublich. Deshalb steht das Spielen für mich im Fokus. 



Hätte gern David Beckham getroffen, wenn er nominiert worden wäre: Kristin Silbereisen (Foto: FL)Hätte gern David Beckham getroffen, wenn er nominiert worden wäre: Kristin Silbereisen (Foto: FL)
Kristin Silbereisen: Ich habe mir keine To-do-Liste gemacht und konzentriere mich auf den Wettkampf. Man wird von Eindrücken überschüttet, es ist schwer, sich dagegen zu wehren. Ich möchte einen super Wettkampf spielen, darauf habe ich hingearbeitet. Die Zeit möchte ich aber auch teilen mit Freunden, mit der Familie. Wir werden, wenn es passt, schon zusammen Zeit verbringen, in die Stadt fahren und auch andere Sportarten anschauen.

Sabine Winter: Wenn ich Roger Federer treffen würde, fände ich das toll. Aber erst mal kommt der Wettkampf.

FL (www.tischtennis.de)