Novizin und Routinier an der Platte PDF Drucken E-Mail
Kroppachs Kristin Silbereisen fiebert der Premiere entgegen – Timo Boll setzt sich unter Druck

Aus London berichtet unser Redakteur Volker Boch

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Für Kristin Silbereisen sind es die ersten Spiele, für Timo Boll bereits die vierten – das Olympiafieber hat jedoch beide schon gepackt.Fotos: dpa

London. Kristin Silbereisen wirkt noch etwas unsicher. Als sie London zuletzt besucht hat, war sie noch ein Kind und mit ihren Eltern in der Stadt unterwegs. „Ich weiß gar nicht mehr genau, wann das war“, sagt die 27-Jährige. Nun sitzt sie in ihrer ersten olympischen Pressekonferenz, neben ihrem Tischtenniskollegen Timo Boll und vor einer ganzen Reihe von Fernsehkameras, neugierigen Reportern und Fotografen. „Alles kommt auf einmal“, sagt die deutsche Meisterin vom FSV Kroppach. „Ich bin nervös, aufgeregt und voller Vorfreude.“ Noch ist sie keine 24 Stunden in der Stadt, aber das Fieber hat sie längst gepackt.

Timo Boll ist zwar das, was man einen olympischen Routinier nennen darf, aber auch er strahlt noch längst nicht jene Ruhe aus, die von ihm an der Platte bekannt ist. In ihren weißen Trainingsanzügen sitzen Boll, Silbereisen und der Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes, Dirk Schimmelpfennig, im Deutschen Haus auf dem Podium. Es ist eine lockere Atmosphäre, aber den Athleten ist anzumerken, dass sie sich noch sortieren müssen in London. Silbereisen hält die Arme verschränkt, Boll hat die Hände gefaltet, sie wirken in ihren unbefleckten Anzügen wie in eine Schutzfolie gehüllt. „Ich will meine Gefühlslage unter Kontrolle halten“, sagt Boll, „es sind meine vierten Spiele, aber ich mache mir selbst großen Druck – den man in so einem Turnier auch braucht.“

2008 in Peking hat er Teamsilber gewonnen, es war ein außergewöhnliches Ereignis. „Kein anderes Turnier habe ich so intensiv erlebt“, erklärt Boll, „Peking war das emotionalste Turnier, das ich je gespielt habe.“ Sportdirektor Schimmelpfennig macht kein Hehl daraus, dass er auch in London auf eine Medaille setzt. „Das Treppchen ist unser Ziel.“ Es klingt nicht arrogant, nicht nach einem Funktionär, der extremen Druck aufbauen will, sondern nach einer realistischen Maßgabe.

Die Tischtennis-Asse haben einen guten Blick auf die Olympischen Spiele, nicht nur, was ihre eigene Leistungsfähigkeit anbelangt. „Wir wohnen in der Penthouse-Suite“, sagt Boll lachend, „im neunten Stock des deutschen Athletenhauses.“ Von ihrer Wohnung im olympischen Dorf schauen Silbereisen, ihre Kroppacher Teampartnerin Wu Jiaduo sowie der Rest des Tischtennis-Teams über den gesamten Olympiapark. Auf der einen Seite des Flurs wohnen die Jungs zu sechst in einem Appartement, gegenüber teilen sich die Mädels zu acht eine Wohnung. „Wir haben noch zwei Badmintonspielerinnen dabei“, sagt Silbereisen. Und bereits am ersten Morgen nach der Ankunft gab es die ersten kleinen Abstimmungspflichten. „Wir haben vier Doppelzimmer, aber nur zwei Badezimmer“, sagt sie lächelnd, „mit acht Frauen ist das nicht so einfach.“ Viel mehr Platz bietet dagegen die Mensa im Dorf: „Beim Essen habe ich eigentlich am meisten Zeit gebraucht“, sagt Silbereisen. Es gibt in der großen Gastronomiehalle viel auszuwählen zwischen all den Speisen. „Ich habe heute Morgen erst mal zehn Minuten lang den Käse gesucht.“ Dann nutzte sie die Gelegenheit, sich mit Basketball-Star Tony Parker fotografieren zu lassen.

Nur zum Staunen sind die deutschen Tischtennis-Asse allerdings nicht nach London gekommen. Am Freitag läuft Silbereisen zwar mit der deutschen Mannschaft ins Stadion ein, aber sie wird das spektakuläre Fest früh wieder verlassen. Am nächsten Morgen steht Training an, am Sonntagmorgen startet sie bereits ins Turnier – nach einem Freilos in der zweiten Runde. „Ich bin total gespannt“, sagt Silbereisen. Europa- und Weltmeisterschaften hat die Ochtendungerin bereits bestritten. Aber die olympische Premiere in London ist für sie das Größte, es ist die Erfüllung eines Kindheitstraums.

Westerwälder Zeitung vom Freitag, 27. Juli 2012, Seite 11