WM in Moskau"Nachlese" - Fehlt nur noch der Pokalschrank PDF Drucken E-Mail
Auf einigen Action- und Jubelfotos bei der Mannschafts-WM in Moskau lugte sie unter dem Nationaltrikot hervor, die weiße Bandage, die Wu Jiaduo während der Spiele und Trainingseinheiten ständig trug. Ein Rippenbruch hatte sie in der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften für sechs Wochen lahmgelegt. Umso erstaunlicher, dass die 32-jährige Europameisterin von Stuttgart in Russlands Hauptstadt einmal mehr die deutsche Erfolgsgarantin war. 9:3 lautete ihre Bilanz, die Deutschlands Damen zur Bronzemedaille führte. Zum Vergleich: Die Weltranglistenerste, Liu Shiwen aus China, hat es in Moskau nur auf 6:2-Spiele gebracht.

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Sieg sicher, Schläger nicht: Wu Jiaduo war in Moskau Deutschlands Beste (Foto: MS)

tischtennis.de: Die WM in Moskau liegt jetzt anderthalb Wochen zurück. Hast du schon einen Platz für die WM-Bronzemedaille in deiner Wohnung gefunden?
Wu Jiaduo: Ja, sie liegt auf dem Tisch im Wohnzimmer zusammen mit meiner EM-Medaille und dem Pokal. Wenn es so weitergeht, muss ich bald einen Schrank für meine Medaillen und Pokale besorgen.

Kennst du eigentlich deine Bilanz bei der WM in Moskau?
So ungefähr. Ich habe gegen Li Jie verloren, gegen Wang Yuegu und Feng Tianwei. Die anderen Spiele habe ich gewonnen.

9:3 war deine Bilanz; die der Weltranglistenersten, Liu Shiwen, ist mit 6:2 nicht besser.
Kein Wunder, sie hat ja auch nicht so viel gespielt. China hat fünf Topspielerinnen, die sich immer abgewechselt haben.
Bei der WM in Guangzhou vor zwei Jahren war meine Bilanz auch nicht schlechter (9:2, die Redaktion). Wir haben auch da alle schon sehr gut gespielt. Wir haben nur leider das wichtigste Spiel verloren, das Achtelfinale gegen Rumänien, und sind deshalb am Ende nur Neunter geworden. Viele sehen natürlich nur die reine Platzierung. Da kann ich schon verstehen, dass das nach außen nicht so gut aussieht.

Bundestrainer Jörg Bitzigeio hat gesagt, dass du für die Mannschaft immer noch einen Tick besser spielst als ohnehin schon. Empfindest du das auch so?
Das hat er gesagt? Ja, es ist auch ein bisschen so. Beim Einzel-Finale in Stuttgart war ich zum Beispiel nicht so nervös wie im Viertelfinale gegen Hongkong bei der WM. Du spielst eben nicht nur für dich, sondern vor allem für deine Mannschaft und für Deutschland. Da kannst du dich nicht einfach hängenlassen, wenn es mal nicht läuft. Der Druck ist für mich dadurch natürlich höher. Aber fürs Team gebe ich immer 200 Prozent.

 

Der Mannschaftsgeist bei den Damen ist von vielen gelobt worden. War er für dich in Moskau auch etwas ganz besonderes?
Ja, da hat alles gepasst. Wir haben immer gut zusammengehalten. Als Bitzi beim Viertelfinale gegen Hongkong die rote Karte bekommen hat, haben mich Elke und Kristin gecoacht. Wir haben füreinander gekämpft, geklatscht und gejubelt. Das war so intensiv, dass ich zwischendurch ein bisschen Angst um meinen Schläger hatte. Als wir uns umarmt haben und gehüpft sind, habe ich den Schläger nach oben gehalten, damit nichts passiert.

Wie habt ihr den Medaillengewinn gefeiert?
Nach dem Halbfinale haben wir abends zusammen mit den Trainern und Betreuern in einem Restaurant im Hotel gegessen und waren an der Bar. Danach sind wir in eine Disco gefahren, wo schon viele andere Spieler von der WM waren. Wir waren erst am Morgen im Bett. Am Abend danach gab es mit der ganzen Mannschaft, auch den Herren, ein Abendessen im chinesischen Restaurant des Hotels, dann die Fahrt in der Stretch-Limousine. Zur Karaoke-Party unserer Herren bin ich danach nur kurz gegangen. Ich mag Karaoke sehr gerne und singe auch selbst, aber eigentlich nur auf Chinesisch. Das ist für mich einfacher. Aber an dem Abend war ich einfach zu müde nach der anstrengenden WM und der langen Nacht davor.

Kannst du es selbst glauben, dass du nach der langen Trainingspause wegen des Rippenbruchs in Moskau diese Leistung abrufen konntest?
Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. Ich konnte sechs Wochen fast nichts machen außer essen und schlafen. Im letzten Sommer hatte ich eine Knieverletzung, die auch sechs Wochen gedauert hat. Aber da konnte ich wenigstens ab dem Bauch aufwärts trainieren, die anderen Teile meines Körpers fit halten. Mit einer gebrochenen Rippe geht fast nichts. Am Ende konnte ich nur zehn Tage richtig trainieren.

Wie geht es jetzt weiter? Hast du Zeit für Urlaub?
Nein, aber das geht den anderen nicht anders. Elke ist auch verletzt und wird behandelt, Kristin hat in der 1-A-Liga in China gespielt, Sabine bereitet sich auf die Jugend-Europameisterschaften vor. Ich mache täglich Physiotherapie, um den Heilungsprozess der Rippe zu unterstützen. Langsam kann ich mit Stabilisations- und Fitnesstraining beginnen und wieder an meinem Körper arbeiten. Das war auch vor der EM in Stuttgart das richtige Rezept. Und in diesem Jahr ist die EM im September der nächste Höhepunkt. Im Juli geht es zum Konditionslehrgang nach Kroatien, ab Ende Juli bin ich für fast einen Monat in China beim EM-Vorbereitungslehrgang und den China Open.


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Rippe gebrochen? Wus Gegnerinnen jedenfalls haben's nicht bemerkt (Foto: MS)

SH (www.tischtennis.de)