Volkswagen 2010 Cup - Deutsche Botschafterin mit chinesischen Wurzeln PDF Drucken E-Mail
Braunschweig. Es sei eine Ehre, an diesem Turnier der besten Acht der Welt teilnehmen zu können, sagt Jörg Bitzigeio. Der Bundestrainer wird seiner Spitzenspielerin am Dienstag und Mittwoch beim Volkswagen 2010 Cup in Braunschweig zur Seite stehen. Für die Europapremiere des mit 250.000 US-Dollar und vielen Weltranglistenpunkten dotierten Turniers ist Wu Jiaduo qualifiziert. „Sie hat sich die Startberechtigung über ihre Weltranglistenposition erarbeitet und nicht als Wildcard geschenkt bekommen, weil das Turnier in Deutschland ist“, erklärt Bitzigeio. „Ihre Teilnahme ist auch ein Kompliment für die Nationalmannschaft und die Trainingsgruppe. Denn ohne die Gruppe kann kein Einzelspieler so weit kommen.“ Diese Trainingsgruppe nationaler Topspielerinnen mit starken Stamm- und Gastspielerinnen aus dem Ausland ist am Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf beheimatet.

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Unendlich ballsicher: Wu Jiaduo (Foto: Dr. Roscher)


Nur rund drei Kilometer von der Halle des Bundesleistungszentrums im Stadtteil Grafenberg entfernt ist die Wohnung der 33-jährigen Weltranglisten-14. Dass sie einen kurzen Weg zur täglichen Trainingsarbeit hat, ist sinnvoll und passt zum System Wu. Sie ist eine Musterschülerin der positiven Art; keine, bei der die Mitschüler halb genervt, halb eifersüchtig die Augen verdrehen, wenn sie wieder einmal Erfolge feiert und lobend erwähnt wird. „Ich will immer mein Bestes geben“, ist ihr Credo, und: „Immer kämpfen bis zum Schluss.“ Beides ist nicht nur dahergesagt, es ist ihre tiefe Überzeugung, ihre Grundhaltung. „Tischtennis ist mein Job und damit das Wichtigste für mich“, sagt sie über diesen Job, der so viel Arbeit macht. „Wenn ich nicht 100 Prozent für etwas gebe, mache ich es lieber erst gar nicht. Das ist mein Motto.“ Diese Einstellung ist ihr schon früh vermittelt worden, erst von ihren Eltern in China, danach von ihren Trainern. „Wenn du in einem Spiel aufgibst, hat es sich nicht gelohnt, überhaupt so hart zu trainieren. Mit dem Kämpfen im Spiel bis zum Schluss belohnst du dich selbst für dein hartes Training.“

Sympathisches Lachen, kühler Kopf

Dass sie damit ein Vorbild ist, findet auch ihre Nationalteam- und Vereinskollegin beim FSV Kroppach, Kristin Silbereisen. „‘Dudu‘ schenkt niemals ein Spiel ab“, sagt die acht Jahre jüngere Deutsche Einzelmeisterin. „Sie ist sehr trainingsfleißig und sehr diszipliniert, was mir im Sport auch wichtig ist.“ Diese Rolle nimmt Wu Jiaduo an. „Als Nummer eins einer Mannschaft ist es natürlich zuerst einmal deine Aufgabe, gut Tischtennis zu spielen. Aber du bist auch Vorbild für andere. Durch dein Benehmen und deine Einstellung kannst du jüngere Spielerinnen motivieren.“ Das gehöre zum Profisein dazu. Sie fasst ihre Arbeitsbeschreibung aber noch weiter: „Gerade bei Turnieren im Ausland vertrittst du auch dein Land. Dann gucken die Zuschauer und Gegnerinnen auch auf dich als Deutsche: Kannst du dich im Spiel und danach gut benehmen oder nicht, kämpfst du oder gibst du auf?“

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Fleißig ist sie auch bei Laufübungen (Foto: OSP Köln) 

„Sie ist ein großer Kämpfer, hat einen unglaublich starken Willen und ein sehr großes Durchhaltevermögen“, zählt Bundestrainer Bitzigeio auf, der ein Jahr älter ist als sie und von Beginn an, seit 2005, ihr Bundestrainer ist. „So kann sie knappe Spiele gewinnen und oft sogar hohe Rückstände zu ihren Gunsten drehen. Erst wenn der letzte Punkt gespielt ist, ist auch tatsächlich Schluss.“

Sie ist eine sympathische Botschafterin ihres Sports, lacht viel, hat dabei aber eine eher ruhige, zurückhaltende Art. „Sie ist offener, wenn man sie besser kennenlernt“, sagt Kristin Silbereisen. Dann merkt man, wie kommunikativ sie ist. Sie hört gut zu, telefoniert und simst viel, auf Deutsch und auf Chinesisch, mit ihrer Familie, Freunden, Verein und Teamkollegen. „Ich spende mein Geld der Telekom“, scherzt Wu. Ihre Mitspielerinnen kennen aber auch ihre andere Seite: „Sie ist sehr ruhig und lässt daher manche Sachen nicht so sehr an sich heran, die andere Leute stören würden“, beschreibt Silbereisen. Aufs Spiel bezogen merke der Gegner eventuell gar nicht, dass da die Nummer 14 der Welt vor einem stehe, weil sie sehr ruhig sei. „Das ist natürlich kein Nachteil, da sie in manchen Situationen dadurch auch einen kühlen Kopf bewahrt.“

Hohe Ballsicherheit, Spiel zunehmend variabler
Spielerisch zeichnet Wu Jiaduo ihre hohe Ballsicherheit aus. „Sie macht wenige Fehler“, erklärt Jörg Bitzigeio. „Daher muss ihre Gegnerin gegen sie einiges tun, um sich Punkte zu erarbeiten.“ Ihr größtes Manko, eine eingeschränkte Variabilität, hat sie abgelegt, ist nun noch schwieriger auszurechnen für ihre Kontrahentinnen. Hinzu kommen die Noppen auf der Vorhand, unangenehmes Material für die Spielerinnen auf der anderen Seite des Tisches.

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Gefährliche Waffe, aber nicht ihre einzige: Wu Jiaduos Rückhand (Foto: MS)
 
Sie arbeitet konsequent, ist fleißig und trainiert gerne, ob am Tisch oder an ihrer Fitness, möchte sich ständig verbessern. „Es ist schwer, sie aus der Halle herauszubekommen.“ In China heißt es, dass ein Mensch den Charakter, den er in wichtigen Situationen am Tisch zeigt, auch im normalen Leben habe. Bei Wu sind es Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen. Zusammen mit Elke Schall ist sie in der Trainingshalle immer am längsten zu finden. Jüngere Spielerinnen dürften eigentlich nicht wagen, die Halle früher zu verlassen, als eine der älteren. Das ist Jörg Bitzigeios Anspruch. „Zumindest nicht, wenn sie auf das Niveau der beiden kommen wollen.“ Wu und Schall haben ein Bewusstsein dafür, sagt der Bundestrainer, was sie tun müssen, um sich noch zu verbessern. Es komme nie vor, dass sich eine der beiden erkundige, wie lange das Training gehe.

„In Braunschweig wird es schwer für mich“

Doch wenn der Körper streikt, hilft auch der Wille nur bedingt. Anfang des Monats setzte Wu Jiaduo eine Virusgrippe für zwei Wochen außer Gefecht. Erst Mitte November ist sie wieder ins Training eingestiegen. Körperlich fühle sie sich noch etwas schwach; sie befindet sich im Formaufbau. Auf das Länderspiel in Österreich am Dienstag, das ihr Team letztlich klar mit 3:0 gewann, verzichtete sie zu Gunsten des Trainings.

Nicht nur deshalb gilt: „In Braunschweig wird es schwer für mich. Dort sind fast nur Spielerinnen, die vor mir in der Weltrangliste stehen“, sagt Wu. „Das Gute daran: Ich habe keinen Druck. Das ist eine komfortable Situation. Weil ich in Deutschland spiele, gebe ich erst recht 100 Prozent für das Publikum. Mal sehen, wie es läuft.“


Auf dem Weg in die „ein bisschen schwierige“ Top 10

Bisher ist es für sie mehr als gut gelaufen. Sie ist die Europas Nummer eins, Deutschlands Nummer eins und arbeitet sich in der Welt stetig nach oben. „Vor drei Jahren wollte ich die Top 20 erreichen. Nachdem ich das geschafft hatte, habe ich mir die Top 15 vorgenommen.“ Dort steht sie jetzt. Nun möchte sie die Top 10 in Angriff nehmen. Aber das sei „ein bisschen schwierig“, sagt sie lachend. Denn vor ihr steht der „Asienblock“: sechs Chinesinnen, je zweimal Hongkong, Singapur und Südkorea sowie Japans Medienstar Ai Fukuhara. Nur mit Siegen gegen diese 13 Spielerinnen und bei hochkarätigen Turnieren könnte sich Wu Jiaduo weiter nach vorne arbeiten. Gegen hinter ihr im Ranking geführte Athletinnen, und das sind in der November-Weltrangliste immerhin 1213 Damen, kann sie nur Punkte verlieren, so die Regularien des Weltverbands ITTF. „Das Ziel Top 10 gibt mir eine Extra-Portion Motivation“, sagt Wu. „Wenn ich es aber nicht erreichen sollte, macht das nichts.“
 
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Volle Konzentration auf die nächste Aufgabe (Foto: MS)
Ähnlich sieht es bei ihren Medaillenwünschen aus. Natürlich würde sie gerne eine WM-Medaille gewinnen. Aber auch dies ist ein Großprojekt. Allein sieben Vertreterinnen des im Damen-Tischtennis fast übermächtigen Reichs der Mitte sind im 128er-Feld des Einzelwettbewerbs vertreten. „Schlägst du eine von ihnen, wartet danach schon die nächste auf dich“, beschreibt die zweifache German-Open-Finalistin von 2008. Sie kennt dies aus eigener Erfahrung. Bei ihren beiden Auftritten bei Individual-WMs bisher erreichte sie jeweils die Runde der besten 32 und musste sich dort zwei Chinesinnen geschlagen geben: Guo Yue, 2006, und Ding Ning, 2008.

Kleine Schritte in rasantem Tempo

Damit hat sie schon mehr erreicht, als zu Beginn ihrer Zeit in Deutschland gedacht. Als sie 1998 China verließ, um für den damaligen Allgäuer Erstligisten TSV Röthenbach zu spielen, war die Entwicklung zur Nationalspielerin und Deutschlands Nummer eins von niemandem abzusehen. „Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet“, erzählt Wu. „Inzwischen hat sich alles für mich verändert.“ Die Veränderungen genießt sie: „Es ist für mich perfekt – Verein, Nationalmannschaft und auch bei der Bundeswehr zusammen mit den anderen Sportsoldaten macht es mir viel Spaß.“ Frau Stabsgefreite Wu heißt „Dudu“ bei der Bundeswehr, der sie seit Mitte 2006 angehört. Ohne die dortige Unterstützung wäre Profi-Tischtennis bei den Damen in Deutschland nicht möglich. „Das ist unglaublich wichtig für mich. Ich bin der Bundeswehr sehr dankbar für die Hilfe.“
Wenn man Wu Jiaduos Entwicklung beschreibt, klingt das zunächst ambivalent: Sie vollzog sich für eine Hochleistungssportlerin eher spät und in kleinen Schritten, aber letztlich doch rasant. Als sie nach sieben Jahren in ihrer neuen Heimat 2005 die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, wurde sie für den DTTB auch als mögliche Nationalspielerin interessant. „Es ist schon ein bisschen komisch: Ich bin eigentlich eine erfahrene Spielerin, aber richtige internationale Erfahrung habe ich erst seit knapp fünf Jahren.“

59 Länderspiele, 84 Partien, 63 Siege
Zwar hatte sie schon früh mit dem Tischtennisspielen begonnen, Wus Vater Jiauning war früher chinesischer Nationalspieler, aber nach intensiven Trainings- und Wettkampfjahren an einer Provinzsportschule, Lehrgängen mit der Nationalmannschaft und einem Pro-Tour-Einsatz im Jahr 2002 in Österreich, war ihre Karriere in der zweiten Reihe Chinas stagniert. Mit 19 Jahren entschied sie sich für ein Wirtschaftsstudium in Schanghai, trainierte dort aber parallel weiter. Die Idee, zumindest eine Zeitlang im Ausland zu spielen, setzte sie mit knapp 21 Jahren in die Tat um. Weil ihr Umfeld Kontakte nach Deutschland hatte, kam sie schließlich hierher.
 
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Jetzt war WM-Bronze sicher: In Moskau gewann das Team gegen Hongkong (Foto: MS)

Beim Europameisterschaftsqualifikationsspiel gegen Griechenland im November 2005 bestritt sie im Alter von 28 Jahren ihr erstes Mannschaftsspiel für Deutschland. Mit 3:1 gewann sie gegen Maria Mirou. Inzwischen hat sie 59 Länderspiele absolviert, von 84 Partien im Nationaltrikot 63 gewonnen. Im Nationaltrikot spiele sie immer besonders gut, attestiert Jörg Bitzigeio. Wu Jiaduo hatte wesentlichen Anteil an den großen Erfolgen ihrer Mannschaft, zuletzt, als bisherigem Höhepunkt, am völlig überraschenden Gewinn der Bronzemedaille bei der WM in Moskau im Mai. Ihr Team steht aktuell auf Position sechs der Weltrangliste als beste nicht-asiatische Mannschaft.

Star ohne Allüren: Nur das Team zählt
Starallüren hat sie trotzdem nicht. Die hat ohnehin niemand in Bundestrainer Bitzigeios Gruppe. Die Mannschaft wird erst durch alle Spielerinnen zusammen ein echtes Team. Eine alleine ist nichts, das Team ist es, das zählt. Das führt nicht zu Gleichmacherei, Trainingspläne und Termine werden individuell abgestimmt, sondern zu guter Stimmung und Zusammenhalt. Ziele, auch wenn es Einzelerfolge sind, erreicht nur die ganze Gruppe, womit nicht nur die Nationalmannschaft gemeint ist, sondern die gesamte Trainingsgruppe am Deutschen Tischtennis-Zentrum. Das gilt auch für ihren Triumph als Individualsportlerin: Bei der Heim-EM in Stuttgart 2009 wurde sie etwas überraschend Europameisterin im Einzel.

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Der Pott steht jetzt im Wohnzimmer: Wu Jiaduo mit dem EM-Pokal (Foto: MS)

Bis heute steht der Pokal übrigens auf ihrem Wohnzimmertisch. Was zunächst eine Zwischenlösung sein sollte, „bis ich einen geeigneten Platz gefunden habe“, wie sie damals sagte, ist nun so geblieben. „Eigentlich steht er dort nicht schlecht. So erinnert er mich immer an den schönen Erfolg.“ Solche Erfolge freuen sie, ganz klar – der Sieg, der Jubel der Zuschauer, Fernseh- und Sponsorentermine und Ehrungen im Anschluss, wie nach Stuttgart. Sich auf dem Erfolg auszuruhen, sich zurückzulehnen, nachlässig zu werden, das ist nicht ihre Art. Sie genießt den Moment – und arbeitet dann weiter für den hoffentlich nächsten. Vielleicht kommt der schon in Braunschweig.

SH (www.tischtennis.de)