China-Lehrgang, Lektion eins: "Don't speak" und "Huan le" PDF Drucken E-Mail

Nantong. Zimmer 8209. An der Tür der Unterkunft von Wu Jiaduo und Kristin Silbereisen im Trainingszentrum von Tongzhou hängt ein lilafarbener Zettel mit ihren Namen darauf. Zweieinhalb Wochen ist das Sportzentrum des chinesischen Verbands in diesem Bezirk der Stadt Nantong, nördlich von Shanghai, ihre Heimat beim chinesisch-europäischen Lehrgang in China.

China-Lehrgang, Lektion eins: Ein harmloses Bild: Aber das ist auch nur das Aufwärmprogramm (Foto: youTube-Screenshot)

Außer Training, Essen und Schlafen gibt es hier nicht viel. Das nächste Stadtzentrum ist rund 45 Minuten mit dem Bus entfernt. So soll es sein, damit sich Chinas B-Nationalteam und die Gäste aus Europa voll auf den Sport konzentrieren können.

Zaghaftes Lächeln, wenn der Trainer nicht hinsieht

Rund 40 Spielerinnen gehören zu Chinas zweiter Garde, nur wenigen von ihnen wird der Aufstieg in die A-Mannschaft gelingen. Seit zwei Jahren sind Deutschlands Damen durch den guten Kontakt der Bundes- bzw. Cheftrainer, Jörg Bitzigeio und Shi Zhihao, regelmäßige Sparringspartner des B-Teams. "Da sieht man bei den Lehrgängen oft die gleichen Gesichter", beschreibt Kristin Silbereisen, die auch durch ihre Teilnahme an einigen Partien der 1-A-Liga im vergangenen Jahr einige der Athletinnen kennen gelernt hatte, die auf der Pro Tour oder bei Weltmeisterschaften (noch) nicht zu sehen sind. "Da kann man dann auch den einen oder anderen kleinen Spaß unter den Spielerinnen machen, wenn der Trainer mal ganz kurz wegguckt", erzählt die Deutsche Einzelmeisterin von 2010. "Wenn man dann genauer hinschaut, kann man ab und zu ein kurzes zaghaftes Lächeln erkennen."

"Zaghaft" ist perfekt beschrieben. Diszipliniert ist das Training in Europa auch, in China aber geht es noch eine Spur strenger zu. Im Training spricht außer den Trainern so gut wie niemand. Selbst wenn sich beim Aufwärmen vor allem die ausländischen Gäste aus Gewohnheit unterhalten, wird das gleich durch ein lautstarkes "Don't speak!" von einem der Trainer unterbunden.

"Niemand will als Erste die Halle verlassen"

Von 8:20 bis 11:15 Uhr dauert die Vormittagseinheit, ab 15 Uhr gibt es einen rund dreieinhalbstündigen weiteren Block, wobei zwischen 17 und 18 Uhr täglich intensive Balleimereinheiten absolviert werden. Zwar ist um 18 Uhr offiziell Schluss, "aber so gut wie alle spielen noch weiter, denn niemand will als Erste die Halle verlassen", so Silbereisen. Nach dem Abendessen stehen zusätzliche Laufeinheiten sowie Krafttraining auf dem Programm.

Die Einheiten am Tisch sind immer ähnlich strukturiert: viel freies Spiel wird simuliert, dazu gibt es viel Beinarbeitstraining. Der Wochenplan passt auf eine DIN-A4-Seite und findet sich als Foto auf der Homepage von Kristin Silbereisen. Anstrengend ist das Programm für alle. "Wenn man vormittags 15 Minuten Beinarbeit spielt, die Beine brennen, der Arm schwer wird, man nach gefühlten 20 Minuten einen Blick auf die Uhr wagt und feststellen muss, dass es erst Halbzeit in der Übung ist", dann sehne man sich danach, dass "Wechsel" gerufen würde und die andere Spielerin die Übung absolvieren müsse. Ein Nebeneffekt dieser Schwerstarbeit: Die Europäerinnen lernen chinesische Vokabeln über "Ni hao" ("Hallo", "Guten Tag") und "Xie xie" ("Danke") hinaus. "Huan le" zum Beispiel, so heißt der herbeigesehnte "Wechsel". Diesen Ausdruck kennen sie inzwischen alle.

SH (www.tischtennis.de)