Wu und Silbereisen WM-Siebte PDF Drucken E-Mail
Mannschafts-Ticket für Olympische Spiele in London ist nun zum Greifen nah

Von unserem Mitarbeiter René Adler


Dortmund. Die WM-Medaille knapp verpasst, aber dem Team-Ticket für die Olympischen Spiele ganz nahe: „Dudu“ Wu Jiaduo und Kristin Silbereisen vom FSV Kroppach haben mit der deutschen Mannschaft in Dortmund ein ganz wichtiges Etappenziel erreicht. Wenn sich Irene Ivancan (Berlin) bei der Olympia-Qualifikation durchsetzt, ist den deutschen Frauen der Start als Mannschaft nicht mehr zu nehmen. „Für dieses Ziel haben wir gekämpft, und jetzt sieht es wirklich sehr gut aus“, freute sich Spitzenspielerin Wu.

Für sie und ihre Kolleginnen gingen die Titelkämpfe in der Westfalenhalle mit einem Erfolgserlebnis zu Ende. Gestern gewannen sie das Spiel um Platz sieben gegen Polen, eine Neuauflage des Duells in der Vorrunde (3:1), mit 3:2. Bundestrainerin Jie Schöpp ließ die Spielerinnen ran, die meist auf der Bank gesessen hatten, Wu und Silbereisen kamen nicht mehr zum Einsatz.

Im ersten Platzierungsspiel hatten sie gegen Japan fünfmal so viele Sätze wie in der Gruppe geholt, aber erneut 0:3 verloren. Silbereisen verspielte gegen Ai Fukuhara eine 2:0-Satzführung und unterlag nach Vergabe eines Matchballs ebenso mit 10:12 im Entscheidungssatz wie ihre Kroppacher Kollegin Wu gegen Kasumi Ishikawa. Danach verlor Sabine Winter (Schwabhausen) in vier Sätzen gegen Sayaka Hirano.

„Es war natürlich nicht einfach heute, nachdem wir die Medaille gegen Singapur so knapp verpasst hatten“, schilderte „Dudu“ ihre Gefühlswelt. „Ich war nach dem Match so aufgewühlt, dass ich überhaupt nicht einschlafen konnte. Mehr als vier Stunden Schlaf waren es mit Sicherheit nicht. Aber ich habe versucht, noch mal alles zu geben. Leider hat es nicht ganz zum Sieg gereicht.“



Zwei Punkte an Medaille vorbei

Natürlich war die Beinahe-Sensation gegen den Titelverteidiger auch am Wochenende noch das alles beherrschende Thema bei den Frauen. 2:0 hatten sie nach überraschenden Siegen von Ivancan gegen die Weltranglisten-Fünfte Feng Tianwei und Wu gegen die Ex-Kroppacherin Wang Yuegu (8.) geführt, als Silbereisen im dritten Einzel gegen Li Jiawei (15.) nur noch zwei Punkte von der Sensation entfernt war.

„Entscheidend war der Ball beim 12:12, wo ich ihr auf den Ellbogen gespielt habe. Sie hat den Ball dann unsauber getroffen, und obwohl ich danach gut agiert und ihr in die tiefe Vorhand gespielt habe, hat sie den Ball irgendwie noch bekommen“, konnte die 27-Jährige es immer noch nicht so recht fassen. „Ich war, wie die Zuschauer, sehr überrascht und dachte, dass ich den Punkt schon sicher habe. Es ist sehr schade, denn ich wusste, dass ich nur einen Matchball bei eigenem Aufschlag brauche, um die Medaille zu sichern. Leider blieb mir dieser dann verwehrt. Es ist bitter, wenn einem zwei Punkte zu einer Medaille fehlen.“

Mit dieser knappen Niederlage startete Singapurs Aufholjagd, die Wu (1:3 gegen Feng) und Ivancan (2:3 gegen Wang) trotz heftiger Gegenwehr im Tollhaus Westfalenhalle vor 9500 Zuschauern nicht mehr stoppen konnten. Ausgerechnet die Ex-Kroppacherin Wang wurde zur Matchwinnerin. „Wir wussten, dass Wang wahnsinnig gut gegen Abwehr ist und dass das letzte Spiel für Irene schwer werden würde“, sagte Silbereisen. „Es ist bitter. Gegen Südkorea hätten wir sogar eine Chance gehabt, ins Finale einzuziehen.“ Dies gelang Singapur, wieder mit 3:2.

„Trotz der Niederlage sind wir stolz auf unsere Leistung“, stellte Wu als erste Spielerin fest. Silbereisen war besonders stolz, dass sogar Zuschauer, die auch Karten für das Fußball-Bundesligaspiel Dortmund gegen Stuttgart (4:4) hatten, in der Westfalenhalle blieben, um die Tischtennis-Frauen weiter anzufeuern. Auch Trainerin Schöpp sprach von einer grandiosen Leistung ihres Teams. „Wir haben teilweise über unseren Verhältnissen gespielt“, sagte die frühere Kroppacherin. „Ich bin sehr stolz auf unsere Leistung, ich hatte selbst kaum geglaubt, dass die Spielerinnen so stark spielen können.“ Schöpp schaute direkt nach vorne und hoffte auf erfolgreiche Platzierungsspiele: „Das ist wichtig, damit wir uns für Olympia auch als Mannschaft qualifizieren.“

Dies als Europas erfolgreichstes Team bei der WM zu schaffen, war nach der Niederlage gegen Japan nicht mehr möglich. Aber der siebte Platz bedeutet eine glänzende Ausgangsposition. „Wenn sich Irene Ivancan bei der Europa-Quali im April oder einen Monat später bei der Welt-Qualifikation durchsetzt, ist unseren Frauen der Start als Team nicht mehr zu nehmen“, erklärte Dirk Schimmelpfennig, der Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes.



Ivancan kann Team-Ticket holen

Die erste Chance hat die Abwehrspielerin in Luxemburg, die notfalls zweite in Katar. „Nur wenn Irene es nicht schafft, könnte es noch mal eng werden“, rechnete Schimmelpfennig vor. „Aber dann müssten sechs Mannschaften, die bei der WM hinter uns gelandet sind, drei qualifizierte Spielerinnen haben.“ Ivancan, die Vize-Europameisterin im Einzel, zeigte sich wild entschlossen: „Ich will mit dieser Mannschaft unbedingt nach London.“

Das Kroppacher Duo ist dort in jedem Fall im Einzel dabei, wo es aber viel schwerer ist in Medaillennähe zu kommen als mit der Mannschaft. „Wir haben ja in Dortmund gesehen, was als Team möglich ist“, unterstrich „Dudu“. Da hätte es um ein Haar das zweite Edelmetall in Folge gegeben, nach Bronze vor zwei Jahren in Moskau.

FSV-Ass Krisztina Toth beendete das Turnier mit Ungarn auf Rang elf. Das letzte Platzierungsspiel gegen Rumänien gewannen die Magyarinnen mit 3:1. Beide boten nur ihre B-Teams auf, auch Toth spielte nicht. Zuvor hatte sie beim 0:3 gegen Nordkorea einen von nur zwei Sätzen für Ungarn gewonnen. „Mit einem Platz unter den besten Zwölf haben wir aber auch ganz gute Chancen auf ein Olympia-Ticket als Mannschaft“, glaubt die 38-Jährige. Sie und Georgina Pota sind bereits für den Einzelwettbewerb qualifiziert. „Petra Lovas wird die Quali spielen“, so Toth. „Wenn wir auch im Teamwettbewerb starten könnten, wäre das natürlich perfekt.“

alt
Bild vergrößern
 
Noch ein Westerwälder in Dortmund: Hans-Werner Ernen aus Betzdorf-Kirchen, viele Jahre in der Grenzauer Zugbrückenhalle am Mikrofon, war bei der Weltmeisterschaft als Hallensprecher im Einsatz. Foto: Stephan Roscher


Westerwälder Zeitung vom Montag, 2. April 2012, Seite 24